Die Nemesis ihrer Zeit

Schrödingers Katze

Das Abendland am Anfang des 21. Jahrhunderts. Die Kunstproduktion ist in den Händen großer Konzerne festgefroren. Popmusik wird hauptsächlich an Teenager und Rentner verkauft. Spezies eben, denen das kostenlose Streamen von Musik entweder zu alt- oder zu neumodisch erscheint.
Trends werden zu diesem Zeitpunkt schon seit 30 Jahren nicht mehr entdeckt. Sie werden mittels häusergroßer Plakate erzeugt, die die jeweiligen körperlichen Vorzüge der Interpreten und Interpretinnen -natürlich mit Photoshop optimiert- ausstellen. Insofern… nicht schade drum.
Kurz gesagt: Sämtliche Feigenblätter, die Musik und Prostitution voneinander trennten, sind heimlich, still und leise gefallen.
Bob Dylan, ein Troubadour der alten Schule, bemerkte dazu: „Warum soll ich für Musik bezahlen, die nichts wert ist?“ Das Imperium bröckelt. Die finsteren Kabale treten offen zutage wie ein Kabelbrand bei einem schlecht verlöteten, drei Jahre alten Behringer- Mischpult.
Die Methode hat ihre eigenen Effizienzgrenzen überschritten. Die Ausgaben für Werbung, Produktion, das Schmieren von Musikjournalisten und Radiosendern- sie übersteigen die letztlichen Einnahmen bei weitem. Und so ziehen sich die Konzerne langsam aus der Musik zurück, um ihr Geld lieber in Aluminium oder Biobrot zu pumpen.
Der französische Kulturtheoretikers Michel Houellebecq kommentiert dies wie folgt:
„Eine Gesellschaft im Zustand der Überhitzung fällt nicht automatisch in sich zusammen, sondern erweist sich vielmehr als außerstande, einen gemeinsamen Sinn zu produzieren, da ihre gesamte informative Energie durch die Beschreibung von Zufallsvariationen in Anspruch genommen wird.“
Gleichwohl- eine Popband aus Leipzig namens Schrödingers Katze macht sich diese Stunde der Vakanz zunutze.
Es entstehen im Akkord geheime Klassiker der Larmoyanz und Uneindeutigkeit, vorgetragen im Gestus des Nietzscheanischen Homo Superior, dessen Übermenschlichkeit in seiner Fähigkeit begründet liegt, das Denken selber (welcher politischen, sexuellen oder ästhetischen Coleur auch immer) mittels hermetischer Symbolismen in eine Art „akustisches Möbiusband“ (vgl. den Monochrom- Bildband „Die Gefährten der Fährnis gegen den großen Bruder des Zauberers von Oz„, Esperanto- Verlag, 1897) einzuwickeln, auf dass es immerfort von einer Ewigkeit in die nächste kollabiere.

In ihrer jüngsten und zugleich zugänglichsten Periode (Kulturwissenschaftler bezeichnen sie als rosa Periode) spielen Schrödingers Katze Sixties- beeinflußten Psychedelic Pop. Mit diesem Jammerhaken an der Gitarre, Schalala- Gesing, Glöckchengebimmel, Melodieregenbögen und dem ganzen anderen Schmachtzeugs.
Die Texte dazu sind manchmal straff, manchmal lose gereimte Film Noir– Fetzen, die sich wunderbar zum Ausanalysieren in Germanistik auf Lehramt- Seminaren eignen (Buchungsanfrage).